Foto: W. Schörling Aufmacher Dschungel
Clubrestaurants 2018

Isst du noch oder tanzt du schon?

Was macht die Berliner Party-Szene heute? Wie haben sich die Clubrestaurants auf die neuen Wünsche ihrer Gäste eingestellt? Und wird überhaupt noch getanzt? Eine Bestandsaufnahme von Isabel Herwig & Eva-Maria Hilker anhand von drei prominenten Beispielen

Küchenchef Florian Glauert will die Erinnerung an den legendären „Dschungel“ vor allem auf den Tellern aufleben lassen Duke Shanlounge

Ein Mythos wird wiederbelebt

Das Restaurant Duke verändert sich am 2. und 3. März in einen Dschungel, nicht irgendeinen Dschungel, sondern in den Dschungel der West-Berliner 80er Jahre

Die alte West-Berliner Institution Dschungel hat in den 70er und 80er Jahren neue Maßstäbe in Sachen Club-Kultur gesetzt und lebt heute durch den Mythos als „Berliner Studio 54“ in den Herzen der Feierwütigen weiter, die in den 90ern weiter durch die Techno-Clubs im neu entdeckten Osten zogen. Aus der Partylocation für Exzentriker wurde in den 90ern der Rückzugsort der zur Ruhe Gekommenen – ein Restaurant mit einem Fokus auf California Cuisine, das zwei Jahre später endgültig den Platz räumte. Heute befindet sich an Ort und Stelle das Ellington Hotel, genauer das Einrichtungshaus Morgentau. In der Kleinen Lounge des Hotels installiert das Duke unter der Leitung von Küchenchef Florian Glauert ein Pop-up-Restaurant, welches quasi dem Dschungel nachgeahmt wird. Vom Dschungel bleibt die Erinnerung.

„In unserem Haus steckt so viel Geschichte. Hier wurde viel erlebt, viel gefeiert, viel getanzt – der ‚Dschungel‘ war ein internationaler Begriff, erst als Club, dann als Restaurant. Es wäre schade, diese aufregende Zeit einfach vor sich hin siechen zu lassen, deswegen wollen wir sie noch einmal aufleben lassen. Wer soll es sonst machen, wenn nicht wir“, sagt Glauert.

Ob sich auch der ein oder andere der ehemaligen „Dschungel“-Gäste beim „Crumble in the Dschungel“, dem Menü von Duke-Küchenchef Florian Glauert blicken lässt? „Wir denken, dass es auch ein paar Zeitzeugen gibt“, schmunzelt er. „Und wenn am Ende die Leute auf den Tischen tanzen, ist das für mich auch okay.“

Dass Dinner & Dance alte Trinkkumpels sind, weiß er als Mitbegründer des Clubrestaurants „Felix“ am besten. „Auf diese Art verbindet man verschiedene Konzepte miteinander und schafft an der Schnittstelle Mehrwerte, die u. a. den klassischen Clubabend nach vorne hin verlängern.“

Nur, Ziel der Abende ist eigentlich ein anderes. Glauert will die Erinnerung an den legendären „Dschungel“ vor allem auf den Tellern aufleben lassen, hat Teile der früheren Karte für sein Menü aufgenommen und in eine moderne California Cuisine überführt. Der kalifornische Stil war, gepaart mit asiatischen Einflüssen, kulinarisches Konzept des Dschungel-Restaurants – Fine Dining mit frischen Produkten, mutigen Kreationen und einem Hauch Fernost. Eine Kombination, „die auch heute in der Form seine Relevanz hat, denn Fusion Style ist Trend“, so Glauert.

Damit dem kulinarischen Konzept auch die passende Optik folgt, setzt das Team des Duke auf Deko im Stil des früheren Szene-Clubs. So verwandelt sich das Duke von außen durch großflächige Bilder ins „Dschungel“. Innen sollen stilecht Fliesen, Aquarien und Palmen eine Rolle spielen – wie früher, nur mit der Handschrift des Duke.

Duke
Nürnberger Straße 50-55, Schöneberg, www.ellington-hotel.com

Crumble in the Jungle-Menü am 2. und 3. März um 19 Uhr,
129 € für das Fünf-Gänge-Menü inkl. Cocktail-Empfang, Wein, Wasser und Kaffee, verbindliche Reservierung über Tel. 030 683 15 40 00 oder contact@duke-restaurant.com


„Heute endet das Dinner 23 Uhr, wenn die Party erst beginnt ....“ Spindler & Klatt
„... und früher haben die Leute oft schon zum Dinner angefangen zu tanzen“ Spindler & Klatt 1

Clubben mit Trick 17

Beim Essen schon wild auf den Tischen tanzen? Zeiten ändern dich, äh, sich! Beides, wenn man Raphael Hauck vom Spindler & Klatt fragt

Und der muss ja wissen, wovon er redet. Im ersten Clubrestaurant Berlins, das Dinner & Dance fließend ineinander übergehen ließ, bleibt auch nach vielen Jahren im Geschäft kein Körperteil unbewegt und kein Magen leer. Nur der Übergang zwischen Restaurant und Club fließt heute im Spindler & Klatt etwas zäher als früher. Denn „während der Übergang zwischen dem Restaurant und dem Clubbetrieb damals oft nicht mitzukriegen war, ist er heute etwas definierter“, sagt Hauck, der in dem Kreuzberger Clubrestaurant für Events und Kommunikation verantwortlich ist. „Früher haben die Leute oft schon zum Dinner angefangen zu tanzen, sei es auf den Tischen oder sonst wo, heute endet das Dinner 23 Uhr, wenn die Party erst beginnt.“

Für Küchenchef Samer Schramm und sein Team ist das sicher nicht die schlechteste Entwicklung. So bleibt der Fokus der Gäste zunächst wenigstens konsequent auf ihrer panasiatischen Küche, die mit europäischen Einflüssen à la Tatar vom Rind mit exotischer Yuzu Mayo auf die Teller kommt. Der Blick in die Karte verrät aber auch, worauf die Zeichen im Spindler & Klatt stehen: eine sorgfältige Aperitif- sowie Digestif-Auswahl, klassische Cocktailkreationen, und überhaupt steht da alles auf der Karte, was den Gast ziemlich leicht in den Partyabend schlittern lässt.

Das mögen vor allem kleinere Gruppen, deren Party-Träume sonst schon an der Tür hiesiger Berliner Clubs zerschellen, weil sie schlichtweg zu viele Personen sind oder ein Ungleichgewicht an Männlein und Weiblein aufweisen, das beim Türsteher nur ein müdes „Das Anstehen hättet ihr euch sparen können“-Lächeln hervorruft.

„Die Mehrheit der Gäste kommt aber heute tatsächlich entweder ins Restaurant oder in den Club“, sagt Hauck und ergänzt, „dabei werden sie auch immer anspruchsvoller“. Für die Betreiber wird es daher immer schwieriger, Clubbing und Restaurant im selben Raum zu verknüpfen. „Das muss gut kommuniziert werden, um Verwunderung und Ärger bei den Gästen zu vermeiden.“

Spindler & Klatt
Köpenicker Straße 16/17, Kreuzberg, Tel. 030 319 88 18 60, www.spindlerklatt.com


Ab ca. 22 Uhr kommt die Soundtechnik im Crackers zum Einsatz Crackers
Getanzt und gefeiert wurde im Cookies immer Cookies

Keine Kekserei

Im Crackers wird besser gegessen als je zuvor, aber auch weiterhin auf den Tischen getanzt

Oktober 2015 und vorbei war es mit dem Cookies, dem Berliner Club, der nach Mauerfall immer irgendwo in Mitte, an einem maroden Ort eröffnete, nach einiger Zeit weiterzog und immer Kult war. Ob Tag ob nacht? Getanzt und gefeiert wurde immer. Letzte Station: der Anbau aus DDR-Zeiten vom Westin Grand. Dort soll Honecker Filme begutachtet haben, die Räume sind außerordentlich gut schallisoliert und bis heute gibt es nur sehr schlechten Handyempfang. Ein idealer Ort also für ausgiebige Partynächte. Keine Beschwerden der Nachbarn. Dass man unter Gleichgesinnten blieb, dass keine voyeuristischen Zuschauer das Feld eroberten, dafür sorgte die Türpolitik bzw. der versteckte Eingang im zweiten Hinterhof.

Doch vor zwei Jahren hatten auch Cookies Freunde andere Ansprüche an das Nachtleben. Also etablierte Cookie alias Heinz Gindullis neben dem Cookies Cream, dem heute einzigen vegetarischen Sternerestaurant Deutschlands, das Crackers. Das Cookies wurde komplett umgebaut, zu einem Restaurant mit offener Küche. Stephan Hentschel entwarf gemeinsam mit Cookie das Küchenkonzept, das für jeden – ob Vegetarier oder Karnivore – etwas bieten sollte. Der Eingang ist jetzt Unter den Linden.

Und heute? „Cookies World“ nennt sich der Mikrokosmos um Heinz Gindullis. Und mittlerweile hat sich die ehemalige Club-Größe zu einem gastronomischen Vorreiter entwickelt, der ein außergewöhnliches Team an qualifiziertes Köchen, Gastgebern, Restaurantleitern, Sommeliers und Bartendern um sich schart. Letzter Coup: Stefan Grill als Restaurantleiter und Daniel Lengsfeld als Küchenchef. Beide haben das Sra Bua by Tim Raue, eines der Restaurants an der Rückseite des Adlons, verlassen.

Stefan Grill als Restaurantleiter war schon immer ein Teamplayer, er scheint am richtigen Ort zur richtigen Zeit angekommen zu sein. Daniel Lengsfeld will als Küchenchef seine Inspiration, seine Kreativität einbringen. Und das hebt die Location noch einmal kulinarisch hervor. Die aktuelle Speisekarte hat einiges an Überraschungen parat.

Und gefeiert? Ab ca. 22 Uhr kommt die Soundtechnik zum Einsatz. Und je nach Stimmungslage der Gäste passiert es zumindest an einigen Abenden, dass die Nacht durchgetanzt wird. Die Tische müssen jedenfalls jedes Jahr aufgemöbelt werden.

Crackers
Friedrichstraße 158, Mitte, Tel. 030 680 73 04 88, www.crackersberlin.com, tgl. ab 18 Uhr, Fr & Sa DJ-Dinner-Sets