Fotos: Claudia Steigleder © HIMBEER Verlag Berlin mit Kind Aufmacher
Berlin mit Kind

Damit es allen schmeckt

Die EssPress-Herausgeberin Eva-Maria Hilker war Erzieherin, bevor sie sich nach dem Philosophie- und Sinologie-Studium der Gastroszene zuwandte. Sie verfolgt mit ihrem Team seit vielen Jahren die Entwicklung der Esskultur weltweit und beobachtet die Berliner Restaurantszene. Was rät die Gastro-Expertin, wenn man Berlins Restaurantszene mit Kindern erkunden möchte?

Den Text und die Fotos haben wir dem Familien-Freizeit-Guide „Berlin mit Kind 2022“ entnommen, der ganz neu am 12. November 2021 im HIMBEER Verlag erschienen ist

Welchen Stellenwert hat Kinderfreundlichkeit in der Gastronomie?
Eva-Maria Hilker: Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass Eltern mit ihren Kindern essen gehen. Ich kenne kaum ein Restaurant, das keinen Kinderstuhl parat hat. Wenn Eltern, Freund*innen, Verwandte vorhaben, mit Kindern ein Restaurant zu besuchen, würde ich das auch im Vorfeld bei der Reservierung anmelden. Das kann bei der Tischwahl, bei der Bereitstellung von Spielsachen, Malzeug etc. hilfreich sein.

Alma
Alma, 7 Jahre

Wo gehst du gerne essen?
Bei „Maison Blanche“ in Kreuzberg, da gibt es sehr leckere Pizza und andere Sachen. Und die sind da nett zu Kindern.
Was isst du am liebsten?
Pizza und Spinatnudeln. Gnocchi und Tortellini mag ich überhaupt nicht. Das Komischste, was ich mal gegessen habe, waren Senfeier.
Hast du schon mal selbst etwas gekocht?
Ich kann Pfannkuchenteig selber machen.

Gibt es da einen Wandel in den letzten Jahren?
Allerdings. Vor zehn Jahren wollte bei einer diesbezüglichen Recherche in Berlin kein Restaurant als kinderfreundlich erklärt werden. Obwohl es eine Spielecke besaß und tatsächlich mit Kindern gut klar kam. Es seien zu viele Gruppen mit Kindern gekommen, so einmal die Aussage. Die andere: Leute ohne Kinder würden das Restaurant meiden.

Woran erkennt man kinderfreundliche Restaurants?
Ob man ihn braucht oder nicht – der Kinderstuhl ist ein eindeutiges Erkennungszeichen. Kindergerichte auf der Speisekarte sind es definitiv nicht. Denn es reduziert deren Essverhalten auf die leider immer noch gängigen Klischees, auf Pommes, Spaghetti, Pizza, Kartoffelbrei.

Was sollte man beim Essengehen mit Kindern beachten?
Eltern kennen ihre Kinder gut und wissen, was man ihnen zumuten kann, wie lange sie durchhalten, was sie langweilt. Bevor das jüngste Familienmitglied nicht sitzen kann, sollte man sich auf kurze Besuche, wenn das Wetter mitspielt, im Freien einstellen. Wenn das Kind alleine sitzen kann, wenn es in der Lage ist, sich zu artikulieren, dann kann man Kinder als ernstzunehmende Tischnachbar*innen wahrnehmen und behandeln. Wenn das Kind Zuwendung beim Essen benötigt – dann sollten sich Eltern abwechseln. Alle halbe Stunde ist der andere dran, da kommt jede*r zum Zuge.

Hieu
Hieu, 10 Jahre

Wo gehst du gerne essen?
Ich gehe nicht so gerne essen, da sind immer so viele Leute.
Was isst du am liebsten?
Ich mag eigentlich alles. Und ich probiere gerne neue Gerichte. Am liebsten mag ich italienische Nudeln und Chinapfanne.
Hast du schon mal selbst etwas gekocht?
Ja, ich kann Chinapfanne selber machen. Öl, Reis, Eier in die Pfanne, fertig. Und ich hab’ schon mal eine Suppe in der Schule gekocht.

Welche Verhaltensweisen werden als störend empfunden?
Ob es nun Erwachsene oder Kinder sind – schlechte oder gar keine Umgangsformen sind ein No-Go! Laissez faire – gerne in den eigenen vier Wänden. Aber in einem Raum mit mehreren Menschen, die sich bewusst entschieden haben, Genuss, Gespräche und Gemeinsamkeit zu zelebrieren, auf die sollte man Rücksicht nehmen!

Was sind die positiven Aspekte des gemeinsamen Essengehens?
Ich wüsste keine negativen. Wenn die jüngsten Mitglieder der Familie genauso behandelt werden wie alle anderen, mit Rücksicht auf den Altersunterschied, dann ist das ein besonderes Ereignis, fast sogar etwas Feierliches. Kinder sind begeistert, wenn sie sich ihr Gericht aussuchen dürfen. Kommunikation ist wichtig. Man sollte erzählen, wie das, was man auf dem Teller hat, schmeckt, an was man sich erinnert fühlt, wann man so etwas Ähnliches schon mal gegessen hat.

Ich hatte mal mit einem Mädchen an einem Nebentisch, so um die fünf Jahre alt, eine kurze Unterhaltung über ihre Pizza, warum sie die und keine andere mag, und welche Angewohnheiten ihre Mutter so pflegt. Herrlich! Eltern und Kinder besitzen oder lernen im Restaurant eine Sensibilität, sei es im Umgang miteinander, sie spüren was gesellschaftsfähig ist, was zur Privatsphäre gehört und machen eventuell nette Bekanntschaften.

Lore
Lore, 5 Jahre

Wo gehst du gerne essen?
Beim Italiener, da waren die Kellner nett und haben mir Malsachen gegeben. Wir durften nicht rumlaufen, aber das war nicht schlimm.
Was isst du am liebsten?
Hühnerfrikassee. Hackfleisch mag ich gar nicht. Ich probiere aber gerne neue Sachen – gerade habe ich zum ersten Mal Feigen gegessen.
Hast du schon mal selbst etwas gekocht?
Mit Mama ein Ei gebraten. Und ich hab’ mal Kekse mit bunten Streuseln gemacht.

Was sind die spannendsten Gerichte für Kinder?
Für mich sind alle Gerichte, die mit Professionalität, mit Kreativität, mit Liebe zum Produkt zubereitet werden, für Kinder spannend. Ob das ein Erbsenpüree mit Himbeeren und Haselnüssen ist wie im 12 Seasons oder die Jiaozi, also chinesische Teigtaschen, in der Peking Ente. Aber es muss der Spaß, der Genuss im Vordergrund stehen.

Ein Versuch kann auch scheitern, nach dem ersten Bissen ist manchmal klar: Das geht nicht gut. Dann ist Toleranz gefragt. Scharfe Gerichte und grünes Gemüse, so meine Erfahrung, sind für Kinder nicht lustig.

Kann man mit Kindern auch Sternerestaurants besuchen?
Man kann, sollte aber auf jeden Fall bei der Reservierung – wenn möglich telefonisch – klären, wann und was geht, wie alt die Kinder sind, was das Restaurant auch ihnen zu bieten hat.

Ab welchem Alter ist es sinnvoll, Kinder mit gehobener Küche und gegebenenfalls vornehmeren Essmanieren vertraut zu machen?
Mit Serviette, mit Messer und Gabel zu essen, das kann ein Kind dann lernen, wenn die Eltern die nötige Geduld aufbringen können. Wie gesagt, sobald ein Kind selbstständig sitzen kann, kann es auch einen Löffel halten – aber auch gerne immer wieder fallen lassen.

Wer als Familie das gemeinsame tägliche Essen zu schätzen weiß, sei es mittags oder abends, wird mit der Zeit ganz selbstverständlich Essmanieren praktizieren, auch in den Kitas wird das geübt. Vornehme Essmanieren gibt es in dem Sinne nicht. Ich scheitere bis heute an Krustentieren, die ich gerne esse, aber kaum aus der Schale bekomme mit den ganzen Utensilien.

Berlin mit Kind 2022

Familien-Freizeit-Guide
Berlin mit Kind 2022
HIMBEER Verlag,
208 Seiten, 14,95 €,
www.berlinmitkind.de/buch