Foto: Selina Schrader Aufmacher Sissi
15 Jahre Sissi

Der Mann mit Ausdauer

Er hat Maßstäbe gesetzt. Der gebürtige Österreicher Martin Hartmann hat seine Ansprüche an gute Küche nie runtergeschraubt, seine gute Laune manchmal dann doch. Wenn Gäste nicht zu schätzen wissen, was er und sein Team in schwierigen Zeiten täglich leisten. Radiomann und Autor Reiner Veit war einer der ersten, der Hartmanns Engagement und das Restaurant zu schätzen wusste und weiß

Als Martin Hartmann vor 15 Jahren in der Schöneberger Motzstraße sein österreichisches Restaurant Sissi eröffnete, war es im ganzen schwulen Nollendorfkiez das einzig wirklich sehr, sehr gute und empfehlenswerte Restaurant weit und breit. Daran hat sich bis heute übrigens nichts geändert. Die Straße mitten im Homoherzen Berlins hatte Hartmann bewusst gewählt: Hier wollte er unbedingt mit seinem Restaurant hin.

Sissi Schnitzel

Aber der Kiez hat sich verändert, auch die Gäste des Sissi. Schwule gehen kaum noch aus, meint Martin Hartmann und auch in den umliegenden Bars ist nur wenig los. Weil kaum noch Laufkundschaft unterwegs ist, sind es die treuen Stammgäste, auf die die Sissi sich verlassen kann – natürlich weiterhin viele Menschen aus der Queergemeinde, aber auch Schauspieler*innen, Politiker*innen und vermehrt internationales Publikum.

Dennoch ist der Umsatz in den langen Coronazeiten um mehr als 30 Prozent eingebrochen und das wird sich so schnell nicht ändern, glaubt Hartmann. Serviert wird im Sissi dennoch unverdrossen das Beste aus der Küche Österreichs – Käferbohnensalat, Backhendl, Tafelspitz, Kässpätzle, Kaiserschmarrn und immer wieder der Klassiker überhaupt: das Wiener Schnitzel, in perfekter Qualität, mit viel rustikalem Charme und ohne unnötigen Schmäh.

Doch die letzten zwei Jahre mit den langen Schließzeiten für Restaurants, den vielen Auflagen und Vorgaben, den 3- oder 2G-Regeln stecken Martin Hartmann noch in den Knochen. Denn als die Gäste nicht mehr ins Sissi durften, musste das Sissi zu den Gästen. Die köstlichen Klassiker to go, das kam nicht in Frage: frisch gekocht und dann durch die halbe Stadt gefahren, das geht nicht. Aber wenn jemand um die Ecke wohnt, dann geht to go schon mal. Doch grundsätzlich: nein. Also wurde auch im Sissi viel gekocht und eingekocht: Kraftbrühen, Gulasch, Suppen, Chili con Carne oder Bolognese. Die aktuell acht verschiedenen Gläser gibt es auch weiterhin im Online-Shop. Die Nachfrage ist da und wer weiß, was noch kommt.

Seit Corona wollen die Gäste im Sissi nicht mehr so kuschelig eng nebeneinander sitzen, also flogen Tische raus. Und wie weiter? Teurer. Der erhöhte Mindestlohn und die mittlerweile doppelt so hohe Miete, die erhöhten Lebensmittelpreise und Energiekosten – oder welche Folgen Putins Krieg noch für uns hat – werden sich auf der Speisenkarte wiederfinden müssen.

Es gibt schönere Aussichten, aber deshalb aufhören? Kein Gedanke liegt Martin Hartmann ferner. Vielleicht keine weiteren 15 Jahre Sissi, ein paar aber schon noch. Und da ist ja auch noch die Verantwortung für zehn Mitarbeiter – und für die Gäste, die weiterhin im Sissi die beste österreichische Küche Berlins genießen wollen.

Sissi
Österreichisches Restaurant & Belle Etage,
Motzstraße 34, Schöneberg, Tel. 030 21 01 81 01, www.sissi-berlin.de


Sissi 2007 1

Angefangen hat 2007 alles ...

... mit Brote schmieren, ab 6 Uhr. Martin Hartmann wollte einen kleinen Laden für mittags eröffnen. Zuerst kamen die Eltern, die Pausenbrote abholten. Martin ist kein Frühaufsteher und „nach drei Tagen war Schluss“ mit der Frühschicht. Auf einem Gasherd mit drei Flammen kochte er dann Gulasch, Suppen, briet Käsekrainer, Leberkäse. Geöffnet war bis 18 Uhr. Sissi 2007 2 Nach ein paar Wochen wollten die Gäste auch abends etwas zu essen haben. Die Öffnungszeiten wurden geändert, die Räumlichkeiten wurden zu eng. 2010 kam dann die Belle Etage dazu, eine zweite neue Produk­tionsküche und ein Kühlhaus. Es gab Ärger mit den Nachbarn, die Belle Etage musste noch einmal umgebaut bzw. schalldicht gemacht werden. Martins neueste Errungenschaft? Er hat dieses Jahr eine Schnitzelklopfmaschine angeschafft. „Ein Fortschritt und eine Erleichterung!“