Fotos: Selina Schrader Aufmacher Ranja Bonalana
Ranja Bonalana

„Emotionen kann keine Maschine“

Sie ist einem Millionenpublikum bekannt – zumindest akustisch: Ranja Bonalana ist die deutsche Stimme von Bridget Jones, von „Bones – Die Knochenjägerin“ und von Rachel McAdams. Wir treffen sie im Juli 2025 zum Lunch im W66, dem Restaurant des Museums für Kommunikation. Trotz ernster Themen wie der Zukunft des Synchronsprechens lacht sie viel und strahlt Optimismus aus. Doch die Perspektiven für die Branche, das „Stiefkind des Films“, wie sie es nennt, sind angesichts der rasanten Entwicklung der Künstlichen Intelligenz alles andere als rosig

Interview: Eva-Maria Hilker • Fotos: Selina Schrader

Anfang des Jahres 2025 lief der vierte Teil von „Bridget Jones“ im Kino. Du bist seit dem ersten Film die deutsche Stimme von Renée Zellweger. Wie lange hast du an „Bridget Jones – Verrückt nach ihm“ gearbeitet?
Ranja Bonalana: Ich habe nur maximal fünf Tage an dem Film gearbeitet.

Ist es eigentlich üblich, dass eine amerikanische Schauspielerin immer dieselbe deutsche Stimme hat?
Das wird versucht, aber es gibt keine Garantie. Wenn Regie oder Verleih finden, dass es nicht mehr passt, kann die Stimme auch gewechselt werden.


„Synchron ist das Stiefkind des Films. Früher gab es kaum Feedback, heute äußert sich das Publikum über Social Media.“

Wird das bemerkt? Registriert das der Zuschauer oder die Zuschauerin?
Ich denke schon, aber es wird oft unterschätzt. Auftraggeber glauben, dass es niemandem auffällt. Synchron ist das Stiefkind des Films. Früher gab es kaum Feedback, heute äußert sich das Publikum über Social Media. Trotzdem nehmen viele die Stimme einfach als Teil der Figur wahr – sie sehen Arnold Schwarzenegger und hören „seine“ Stimme, auch wenn es dieselbe wie bei Sylvester Stallone ist.

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Neben Bridget Jones – welche Figuren sprichst du noch regelmäßig?
Meine Stimme leihe ich z.B. noch Emily Deschanel in „Bones – Die Knochenjägerin“, die Rolle habe ich 12 Jahre lang gesprochen, Rachel Brosnahan, Rachel McAdams, Sarah Chalke in „Scrubs – Die Anfänger“ und seit 20 Jahren Kim Raver in „Grey’s Anatomy“. Aber auch Tick, Trick und Track und Wendy.

Bekommst du eigentlich Tantiemen, wenn Filme wiederholt werden – ähnlich wie Musiker über die GEMA?
Nicht wirklich. Bei öffentlich-rechtlichen Produktionen bekommen wir einen kleinen Anteil als Zweitverwertungs­rechte über die GVL, aber bei dem Großteil der Produktionen sind mittlerweile alle Rechte mit der einmaligen Bezahlung abgegolten.

Es heißt oft, man müsse Schauspieler*in sein, um Synchronsprecher*in zu werden. Stimmt das?
Also, ich komme aus einer Zeit, da musstest du Schauspieler*in sein. Vor rund 40 Jahren waren das alles Theaterschauspieler, die synchronisiert haben. Oder man ist als Kind eingestiegen.

Du bist als Kind zum Synchron gekommen?
Genau. Über meinen Bruder. Das ist eine lustige Geschichte. Mein Bruder Tarek Helmy hat damals „Ich heirate eine Familie“ gedreht, mit Peter Weck und Thekla Carola Wied. Er ist der Kleine, der Tom mit dem Meerschweinchen. Das waren gerade mal 14 Folgen. Man denkt immer, das war eine unendliche Serie, sie wird immer wieder wiederholt.

Wir reden von einer Zeit vor Dallas und Denver, damals gab es kaum Serien.
Die Filmindustrie in den 80er Jahren hat immer mal Kinder für Synchron gesucht. Sie haben dann auf diejenigen zurückgegriffen, die schon gedreht haben. Und mein Bruder, der mit sieben Jahren angefangen hat zu drehen, ist so zum Synchronsprechen gekommen. Er konnte aber nicht auf Kommando lachen. Und er konnte noch nicht flüssig genug lesen. Dann konnte er auch nicht alleine in die Studios fahren. Und meine Mutter hatte nicht immer Zeit, um mitzufahren. Also ging es per Taxi dahin, und ich als große Schwester bin mitgefahren. Dann gab es eben einen Film, in dem mein Bruder auf Kommando lachen sollte und nicht konnte. Der Regisseur hatte die Idee, es mit der Schwester zu probieren - und die Schwester konnte es. Bei diesem Regisseur durfte ich kurz darauf meine erste „eigene“ Mini-Rolle in dem Film „Footloose“ sprechen. Da habe ich furchtlos eines der Kinder im Hintergrund gesprochen.

Du hast also schon mit zehn Jahren eigene Rollen gesprochen?
In einer Zeit, in der alles noch sehr viel entspannter war. Das Einlegen der Filmrollen hat immer Pausen ermöglicht. Da konnten wir in die Kantine gehen, Cola trinken oder Süßes essen. Heute bedeutet digital, dass du gar nicht so schnell im Buch blättern kannst, wie der Take, also der entsprechend zu synchronisierende Filmausschnitt, schon wieder da ist.


„Beim Synchron kommst du rein, machst noch deine Scherzchen mit dem Team, erzählst, wie das Wochenende war, und dann fängt der Take an.“

Heute muss sich das Filmbusiness anderen Herausforderungen stellen. Durch die Digitalisierung ist der Output enorm gewachsen. Deutschland hat plötzlich sehr viele Serienformate gedreht. Wird bis heute generell unterschätzt, was die speziellen Herausforderungen beim Synchronsprechen sind?
Du musst sehr fokussiert sein. Du hast im Vergleich zum Filmdreh keine Vorbereitungszeit, es gibt keine Drehbuchlesungen, du hast keine Zeit, in eine Rolle hineinzuwachsen, auch keine Zeit in der Maske, um eine andere Persönlichkeit anzunehmen. Beim Synchron kommst du rein, machst noch deine Scherzchen mit dem Team, erzählst, wie das Wochenende war, und dann fängt der Take an. Ich weiß nicht, kriegt die Darstellerin ein Kind, stirbt einer, springst du vom Hochhaus. Was und wen du auch immer sein sollst und sprichst – du musst dich blitzschnell in die Rolle einfinden.

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Bekommst du den Text oder den Film vorher zu sehen?
Nur bei wirklich großen, wichtigen Kinofilmen. Die „Bridget Jones“-Filme durfte ich vorab sehen. Das macht aber überhaupt keinen Spaß. Die Filme sind in Schwarzweiß mit einer Million Sicherheitsbalken und Punkten mittendrin, damit sie nicht kopiert werden. Ich habe gerade einen großen Actionfilm gemacht. Da war alles geblurred, also unscharf, und ich habe nur meine Sprachtakes scharf gesehen. Manchmal wird sogar per Rotoscope gearbeitet – da siehst du nur die Münder. Meistens erklärt die Regie kurz, worum es geht, und dann gehe ich ans Pult, da ist mein Text, ich sehe das Bild und spiele den Text dann möglichst lippensynchron nach ... Solange bis die Regie, der Ton und der Cut zufrieden sind.

Man agiert nicht mehr als Gruppe?
Früher, wenn fünf Leute im Bild waren, standen auch fünf vorm Mikrofon. Heute ist das völlig anders. Die Amerikaner oder Engländer wollen bei großen, wichtigen Filmen einen zentralisierten Mix. Jede Stimme wird auf einer eigenen Spur aufgenommen, damit der Ton später sauber gemischt werden kann – das ist auch die perfekte Vorlage für KI.


„Wenn die KI lebensrettende Maßnahmen einleiten oder das Wasserproblem dieser Erde lösen könnte, dann bitte gerne, aber doch nicht im künstlerischen Bereich.“

KI ist das große Thema. Wie bedroht sie die Synchronbranche?
KI ist ein gesellschaftliches Problem. Die KI hält ja überall Einzug, und wir wollen sie überhaupt nicht verteufeln. Wir sind auch keine Technikgegner. Und wo die KI sinnvoll ist – wunderbar. Wenn sie lebensrettende Maßnahmen einleiten oder das Wasserproblem dieser Erde lösen könnte, dann bitte gerne, aber doch nicht im künstlerischen Bereich. Es dreht sich um Kreativität. Die Maschine käut nur wieder, was ihr eingespeist wurde.

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Deshalb auch das Motto „Künstlerische statt künstliche Intelligenz“, unter dem sich Synchron­sprecher*innen zusammengeschlossen haben. Es gibt auch ein Video, in dem ihr auf die aktuelle Situation reagiert und im April 2025 habt ihr eine Petition gestartet.
Wir haben uns zusammengetan und sorgen für Öffentlichkeit, wir warnen vor den Gefahren und kämpfen für eine Regulierung. Der Verband deutscher Sprecher*innen ist Teil eines internationalen Verbandes, bestehend aus über 40 Verbänden aus über 20 Ländern, das ist großartig. Diese Branche besteht meist aus Einzelkämpfern, aber die KI-Thematik hat uns näher zusammenrücken lassen. Jetzt haben wir einen mega tollen Austausch. In Amerika ist die KI schon viel weiter und mancher Kampf schon verloren. Aber unsere Kolleg*innen aus den USA reichen ihr Wissen und ihre Erfahrungen jetzt an uns, an Europa, weiter.

KI wird mit Stimmen aus dem Netz trainiert, oft ohne Zustimmung der Sprecher*innen?
Die KI kann das, was sie heute kann, weil sie alles aus dem Netz abgegriffen hat. Stimmen aus jedem Film, aus jeder Serie, von Privatmenschen, aus deren Sprachnachrichten. Das wird eingespeist und genutzt und an uns zurückverkauft.

Klingt spooky. Emotionen kann KI nicht empfinden, auch nicht lernen.
Die KI spiegelt nur die Emotionen. Das kann sie schon. Emotionen aus sich heraus kreieren wohl nicht. Sie kann die Daten, die sie hat, neu zusammenwürfeln. Der Algorithmus rechnet eine Wahrscheinlichkeit aus, und das wird ausgeworfen.


„Vielen Menschen ist erstmalig bewusst geworden, was sie verlieren könnten und dass jeder einzelne durch Deepfakes bedroht ist.“

Zurück zu der Initiative der Synchronbranche: Das Video und die Petition sind auf ein sehr großes öffentliches Interesse gestoßen und die Petition hat innerhalb kurzer Zeit viele Unterschriften erhalten. (Stand Mai 2026: 243.000 Unterschriften, Anm.d.Red.)
Vielen Menschen ist erstmalig bewusst geworden, was sie verlieren könnten und dass jeder einzelne durch Deepfakes bedroht ist. Wenn wir mit politischen Institutionen sprechen, kriegen wir oft zu hören, wir können die KI nicht unnötig regulieren, sonst verpassen wir den technischen Anschluss. Die Politik begreift leider nur sehr, sehr, sehr langsam, dass wir alle betroffen sind und wir Gesetze brauchen, die sowohl Bürger, Künstler, ihre Werke, unsere Kultur und somit unsere Demokratie als auch unsere Arbeitsplätze, Wirtschaftskraft und Sicherheit schützen. Alleine die Kunst- und Kreativwirtschaft in Europa umfasst acht Millionen Arbeitsplätze.

Die Debatte ist in vollem Gange. Welche Zukunftsperspektiven sind realistisch?
Menschliche Kreativität, Emotionalität, Authentizität – das kann nur der Mensch. Aber wir als Synchron­sprecher*innen sehen Tendenzen, dass sie uns, unsere kreative Arbeit, das Zwischenmenschliche, das Charisma und die nachfühlbare Energie eines Menschen, die berührt, durch eine Maschine ersetzen wollen, die nur wiedergibt, womit sie ohne unsere Zustimmung gefüttert wurde. Und all das, damit große Tech-Unternehmen noch mehr Geld verdienen ...

Petition des Verbands Deutscher Sprecher*innen
Schützt die Kunst vor KI #DeineStimmeFürEchteStimmen, www.openpetition.de/KunstVorKI

Bonalana Petition

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