„Ihr seid hier willkommen“
Ariel Schiff ist Hotelier und Unternehmer, der Trends früh erkennt und mutig ungewöhnliche Bau- und Nutzungskonzepte realisiert. Mittlerweile sind es in Berlin acht Hotels, jedes individuell gestaltet. Auch die Häuser in Düsseldorf, München, Leipzig und London zeigen, wie konsequent die Gruppe auf individuelle, designorientierte Stadthotels setzt. Sein Erfolg beruht auch darauf, dass er das Stadtleben im Blick behält, Innovationen entsprechend entwickelt und sie erfolgreich transformiert. Nun hat er sich etwas für das AMANO Hotel in der Auguststraße ausgedacht, eine „urbane Plattform“, wie er sein Experiment nennt. Wir treffen uns in seinem Büro, das im Gegensatz zu seinen Hotels in einer etwas abgelegenen Seitenstraße im Westen der Stadt liegt
Interview: Eva-Maria Hilker
Du sprichst beim Haus in der Auguststraße von einer „urbanen Plattform“ statt nur von einem Hotel.
Ariel Schiff: Die Auguststraße ist unser Erstgeborenes. Emotional bedeutet mir das Haus immer noch sehr viel. Wenn ich mir ein Hotel für meine Ideen aussuchen dürfte, wäre es ziemlich genau dieses Haus. Große Lobby, Garten, Dachterrasse, starke Ecke zur Straße. Urbane Plattform heißt für mich: Hier wird nicht nur geschlafen. Wer sich bewusst zwischen Rosenthaler Platz und Hackeschem Markt einmietet, will das Stadtleben spüren – und zwar schon im Hotel. Ich will, dass Gäste hierherkommen und das Gefühl haben: Hier passiert etwas. Und gleichzeitig sollen Nachbar*innen genauso selbstverständlich reinkommen, ohne das Gefühl zu haben, sie stören. Für mich ist eine urbane Plattform ein Ort, an dem sich diese Welten mischen.
„Vorne in der Lobby, in der Bar, darf es laut und lebendig sein, hinten ruhig, oben ein bisschen „wow“.“
AMANO x Silent Garden:
„Mach eine Pause, ganz ohne Handy.
Komm einfach vorbei – ganz ohne Reservierung.“
Thema Garten: Hier gab es in den ersten Jahren ein koreanisches Grillrestaurant. Es war das erste seiner Art und sehr erfolgreich.
Früher war da mehr Trubel, bis neue Nachbar*innen sich über die Lautstärke beklagt haben. Statt auf Konfrontationskurs zu gehen, haben wir den Bereich komplett gedreht. Heute ist es ein richtiger Garten, eine kleine Oase, in der man sitzen, arbeiten, Obst vom eigenen Baum pflücken kann, und das Ganze landet später beim Frühstück. Im Grunde sortiere ich Bedürfnisse in Räume. Vorne in der Lobby, in der Bar, darf es laut und lebendig sein, hinten ruhig, oben ein bisschen „wow“. Der Silent Garden ist da ein gutes Beispiel. Ideal ist, dass sich vorne an der Ecke im neuen AMANO Café Hotelgäste mit Nachbar*innen mischen, im Garten Ruhe herrscht und du oben auf der Dachterrasse in eine sehr eigene Welt eintauchst. Wenn es gut läuft, findet jede und jeder im Haus genau die Zone, die gerade passt – vom Businessgast mit Laptop bis zur Nachbarin mit Zeitung.
Zurück zum Garten …
Wir haben einen richtigen Garten daraus gemacht. Viel Grün, Gemüse, Obst. Es ist eine kleine Oase geworden, in der Leute lesen, arbeiten, einfach sitzen. Du kommst aus dem Trubel am Rosenthaler Platz, gehst durch das Haus und bist plötzlich in einer völlig anderen Welt. Vorne Stadt, hinten Ruhe – das hilft auch, Konflikte zu entschärfen. Und für mich gehört genau dieser Spannungsbogen zu einem urbanen Hotel dazu.
„Ich baue kein Pilgerziel für Foodies aus der ganzen Stadt, sondern einen Ort, an dem man mal eben vorbeischaut.“
AMANO x Café AMANO:
„Ob für einen schnellen Kaffee
Du hast vorne das neue Café AMANO so gebaut, dass es sich stark zum Kiez, zur Straße öffnet. Wen willst du wirklich erreichen?
In erster Linie die Leute, die sowieso hier sind: die Nachbarschaft, die Anwohner, Menschen aus den Büros, Passant*innen, die zwischen Rosenthaler Platz und Hackeschem Markt pendeln. Ich baue kein Pilgerziel für Foodies aus der ganzen Stadt, sondern einen Ort, an dem man mal eben vorbeischaut. Deshalb das Fenster zur Straße, die Ecke mit den Tischen, der Blick in die Lobby. Und deshalb kostet der Espresso 1,50 Euro und ein großer Aperol Spritz 5 Euro. Dazu kommt Coworking ohne Gebühr und Filterkaffee for free. Das ist ein sehr konkretes „Ihr seid hier willkommen“ und nicht „nur für Leute mit Zimmerkarte“.
Welche Rolle spielt die Auguststraße als Testlabor für die AMANO Group?
Hier probieren wir Dinge mutiger aus als anderswo. Wenn etwas funktioniert, nehmen wir das Prinzip mit, aber nie eins zu eins. Ein schönes Beispiel ist das Verkaufsfenster zur Straße: Ich stand anfangs ein paar Stunden daneben, habe beobachtet, wie die Leute reagieren, und gemerkt: Da passiert etwas, das trifft einen Nerv. Jetzt bauen wir ein ähnliches Fenster ins Grand Central, aber im Kontext der Pizzeria dort, mit anderen Farben und italienischen Snacks und Drinks. Die Idee ist dieselbe: eine offene Schnittstelle zwischen Hotel und Stadt. Die Umsetzung ist jedes Mal eine neue Übersetzung, angepasst an Lage, Architektur und gastronomische DNA des Hauses. Wir übertragen Ideen, aber nie im Copy-Paste-Modus. Jedes Haus bekommt seine eigene Übersetzung.
Berlin diskutiert viel über Gentrifizierung.
Man wäre naiv zu glauben, dass ein Hotel in Mitte nichts mit den Veränderungen im Kiez zu tun hat. Die Gegend hat sich enorm gewandelt, keine Frage. Gleichzeitig wohnen hier immer noch Menschen, die seit Jahrzehnten da sind. Ich werde mit einem Hotel nicht die großen Debatten lösen. Aber ich kann entscheiden, ob ich ein abgeschottetes Objekt hinstelle oder mich bewusst öffne. Mitte hat sich krass verändert, klar, und trotzdem wohnen viele Menschen seit Jahrzehnten hier. Ich hoffe, dass wir eher als lebendiger, aber respektvoller Nachbar wahrgenommen werden als ein weiterer anonymer Baustein in der Aufwertungskette.
Wie zeigt sich für dich „Mehrwert“ für den Kiez ganz konkret?
In banaleren Dingen, als man denkt: faire Preise, eine Lobby, in die man sich auch ohne Zimmer traut, Coworking ohne Eintritt, ein Garten, der nicht nur für Gäste mit Keycard da ist. Wenn die Nachbarschaft hierherkommt, weil sie sich wohlfühlt und nicht nur, weil es neu und hip ist, dann fühlt es sich für mich richtig an. Und natürlich höre ich zu. Wenn sich etwas nicht gut anfühlt oder kippt, müssen wir nachjustieren.
„Ich wollte, dass man oben wirklich in eine andere, leichtere Welt läuft: Sommer, Sonne, ein bisschen Kitsch.“
AMANO x Whispering Angel Rooftop Bar:
„Ob zum Afterwork-Drink, zum Sonnenuntergang
hier gehört der Sommer hin.
Rooftop, Marken, Erlebnisse: Wo ist für dich die Grenze zur Marketing-Bühne?
Kommen wir zur Rosa-Terrasse. Du hast erstmal gelacht, als du die Fotos gesehen hast. Es ist viel Rosa. Sehr viel. Aber genau das macht Spaß. Wir arbeiten mit einem Rosé, dessen Etikett rosa ist, und ich wollte, dass man oben wirklich in eine andere, leichtere Welt läuft: Sommer, Sonne, ein bisschen Kitsch – im besten Sinne. Die Grenze ist da, wo es nur noch um das Foto geht. Wenn Leute hochkommen, ein Bild machen und direkt wieder verschwinden, wäre das zu wenig. Solange sie bleiben, die Drinks mögen, sich wohlfühlen und wiederkommen, ist es für mich authentisch – auch wenn alles rosa leuchtet. Und dass wir darüber zusammen lachen können, zeigt mir eigentlich: Wir nehmen Gestaltung ernst, aber nicht uns selbst zu ernst.
Hotel AMANO
Auguststraße 43, Mitte,
Die AMANO Hotel Group
Das Berliner Familienunternehmen wurde 2009 gegründet und hat sich seitdem kontinuierlich auf urbane Boutique-Hotels mit Fokus auf Gastronomie und zentrale Lagen spezialisiert.
Gründung und frühes Wachstum
Das erste Hotel, das AMANO Hotel in der Berliner Auguststraße, eröffnete im August 2009. Bis 2019 expandierte die Gruppe rasant und eröffnete mehrere Hotels in Berlin, darunter AMO by AMANO in der Friedrichstraße, das 2019 als erstes „unterirdisches“ Hotel der Gruppe bekannt wurde. Zu dieser Zeit umfasste das Portfolio sieben Hotels, mit Plänen für weitere Standorte in Leipzig, München und London.
Expansion in den 2020er Jahren
Trotz Corona-Krise setzte die Gruppe ihren Expansionskurs fort und ergänzte das Portfolio um weitere Häuser, unter anderem AMANO East Side in Berlin, ein Hotel in München, ein Haus in Düsseldorf, ein AMANO Home in Leipzig sowie ein Hotel in London. Bis 2024 erreichte sie so 12 Hotels: acht in Berlin sowie je eines in Düsseldorf, München, Leipzig und London. [businessfocusmagazine]
Aktuelle Pläne (2025–2028)
Im Dezember 2025 kündigte die Gruppe acht neue Hotels mit über 1.500 zusätzlichen Zimmern an und will damit ihr Portfolio auf insgesamt mehr als 3.000 Zimmer ausbauen. Geplante Eröffnungen umfassen unter anderem ein neues AMANO Hotel in München (geplant ab Herbst 2026 mit rund 277 Zimmern), ein großes Haus in Leipzig (Anfang 2027 mit rund 274 Zimmern), drei Hotels in Hamburg mit zusammen 512 Zimmern, zwei weitere Häuser in Berlin mit insgesamt 320 Zimmern sowie einen zweiten Standort in London-Covent Garden mit etwa 70 Zimmern. [amanogroup]
Stand: Mai 2026