Fast wie Mitte
Nicht nur geografisch rückt der Florakiez immer näher an Mitte heran. Es sind Orte wie das Vera, die diese Bewegung spürbar machen
Wer heute auf Wohnungssuche ist, richtet den Blick immer häufiger nach Pankow. Eine Freundin lebt schon länger hier, ebenso wie Joey Passarella (Foto, rechts) und Julien Walter, die beiden Köpfe hinter dem Vera. Sie erzählt, sie sei oft daran vorbeigegangen. Nun sitzen wir selbst an einem der Tische.
Die Anreise mit den Öffentlichen führt zunächst durch die vertraute Berliner Gleichzeitigkeit: Obdachlosigkeit, Drogenkonsum, Alltag – dicht nebeneinander am S- und U-Bahnhof. Doch nur wenige Schritte weiter, in der Mühlenstraße, kippt die Stimmung. Es wird ruhiger, fast beiläufig charmant. Und mittendrin das Vera.
Wir bestellen eine Flasche Chablis AOC „Le Finage“ – auch als kleine Tröstung, denn die eigene Wohnungssuche will bislang nicht recht gelingen. Gastgeber Patrick (Foto, links) breitet vor uns je einen Bogen Papier aus, der bald zur Leinwand wird. Es ist ein spielerischer Auftakt: kunstvoll verteilte Öle, Balsamico, dazu Brot und Butter.
Die Artischocke als Vorspeise (Foto) bleibt besonders in Erinnerung – eine der besten seit Langem. Unter einem feinen Parmesan-Cracker verbergen sich zarte Blätter, begleitet von einer zurückhaltenden Vinaigrette, die das Produkt sprechen lässt. Es folgen zwei Hauptgänge, die exemplarisch für Passarellas Handschrift stehen. Zunächst ein gefüllter Portobello (Foto, unten), dessen erdige Tiefe von einer kräutergrünen Sauce und Haselnüssen aufgefangen wird – ein Gericht, das Struktur und Ruhe zugleich besitzt. Danach Kabeljau, präzise gegart, mit jener Selbstverständlichkeit serviert, die keine Effekte braucht. Passarella denkt saisonal, seine Karte bleibt in Bewegung; was heute überzeugt, kann morgen schon einer neuen Idee weichen. Doch die eigentliche Konstante ist das Gespür für Balance: Texturen greifen ineinander, Süße und Säure halten sich in einem stillen Gleichgewicht.
Lange Zeit galt Pankow nicht als erste Adresse für kulinarische Raffinesse. Das Vera in der Heynstraße wird inzwischen als „gastronomisches Juwel“ und als „Kiez-Wohnzimmer“ für Anspruchsvolle beschrieben.
Dass Joey Passarella sein Restaurant nach seiner Großmutter benannt hat, wirkt dabei weniger wie eine Geste als wie ein Programm. Es geht um Nähe, um Erinnerung, vielleicht auch um die Idee, dass gute Küche dort beginnt, wo sie persönlich wird. Und so verlässt man das Vera mit dem Gefühl, dass sich die Stadt nicht nur in ihren Zentren verändert, sondern gerade an ihren Rändern.
Vera Restaurant
Heynstraße 33, Pankow,
Stand: Mai 2026