„Jeder Tag hat eigene Herausforderungen und Schönheiten“
Zwischen DDR‑Kindheit und Berliner Tanzhaus, zwischen erster Pizzeria in Chemnitz und einem der legendärsten Orte der Hauptstadt: Claudia Steinbauer hat sich ihren Weg nicht geradeaus, sondern in spannenden Kurven erarbeitet. Heute ist sie General Managerin von Clärchens Ballhaus und für viele schlicht die Seele des Hauses. Fünf Fragen über Umwege, Wanderjahre und die Kunst, ein geschichtsträchtiges Haus so zu führen, dass es sich nach Gegenwart anfühlt
1. War für dich immer klar, dass du einmal ein Haus wie Clärchens leiten wirst, oder bist du eher seitlich in die Gastronomie hineingestolpert?
Claudia Steinbauer: Nein, das war mir nicht klar, obwohl es manchmal ein bisschen so wirkt, als hätte das Haus auf mich gewartet. Wir ergänzen uns ganz gut.
Zur Frage: In Karl-Marx-Stadt aufgewachsen, war ich 17, als die Mauer fiel. Aus heutiger Sicht weiß ich, dass ich die Welt für lange Zeit nicht mehr so gut verstand. Während der Abiprüfungen war ich glücklich über meine Schichten in der Pizzeria, weil dort zwar auch alles neu war, aber es gab Abläufe, Regeln und manchmal sogar gute Laune. Ich habe mich schnell in den Job verliebt.
2. Deine berufliche Biografie ist anders als geradlinig. Was hat dir auf diesem Weg am meisten geholfen: Dickes Fell, Humor oder Neugier? Oder ganz andere Dinge?
Ich glaube nicht an ein dickes Fell, es macht undurchlässig. Humor hat mich getragen, und meine Neugier versuche ich mir zu bewahren, sonst wird es unfassbar langweilig. Am meisten hat mir geholfen, immer wieder zu wissen, was ich am liebsten mache: Ich bin so gern am Gast, lieber als an der Tür oder im Büro. Ich kellnere so gern und schlendere so gern durchs Restaurant.
Manchmal träumen meine Tochter und ich von einem Sendeformat über eine „hidden“ Restaurantleiterin. Da sehe ich mich durch die Stadt laufen, räume guerillamäßig Tische ab und verschwinde wieder, und niemand weiß, ob das jetzt wirklich passiert ist. So schlimm ist es.
Keiner meiner Umwege hat mich so erfüllt, wie dieser Job. Heute ist es die schönste der Freiheiten, dass ich mir aussuchen kann, was ich tun möchte. Und zwischendurch bekomme ich von unserer Restaurantleiterin sogar mal ne Kellnerschicht, wenn ich traurig genug gucke.
3. Wenn du heute auf deine Stationen von Pizzeria über Szene‑Restaurants bis Clärchens schaust:
Ach herrje. Ich würde meinem jüngeren Ich raten, viel früher dort Strukturen zu schaffen, wo keine sind, die Flexibilität der Gastronomie und Hotellerie besser zu nutzen, also kreativ und durchlässig etwa in der Arbeitsplatz- und Karriereplanung. Wo ein Betrieb rund um die Uhr geöffnet ist, entstehen Räume, in denen sich unterschiedliche Lebensentwürfe verbinden lassen. Familien, Studierende und Ehrgeiz lassen sich nicht nur begleiten, sondern fördern. Dieses Gefühl hatte ich immer, heute setze ich es gezielt ein, um das Team in seinen individuellen Bedürfnissen zu unterstützen. Ansonsten schüttle ich gelegentlich den Kopf über mich und einige unnötige Lektionen. Es gehört wohl dazu.
4. Gab es einen Moment in deiner Karriere, der dich wirklich überrascht oder auch umgeworfen hat?
Alles war gut und richtig, wie es war. Ich liebe den Moment, in dem klar war, dass ich Teil der Klinkergründungscrew in Hamburg werde (romantisch am Bahnhof in Hamburg. Kudos an Marianus) und als ich das erste Mal im Clärchens sein durfte. Es war so weit weg von dem, was es jetzt ist, aber es hat sofort mein Herz berührt und mein Verantwortungsgefühl.
5. Was sollte man unbedingt wissen, wenn man als Gastgeberin im Clärchens, in einem sehr speziellen Abenteuerspielplatz agiert?
Die Telefonnummer von Robert, meinem Herzensfreund und besten Haustechniker der Welt.
Und vergesslich sollte man sein. Nicht bei den Bestellungen der Gäste, aber bei dem, was gestern galt.
Jeder Tag ist neu, jeder Tag hat eigene Herausforderungen und Schönheiten. Meistens anders als am Vortag.
Clärchens
Auguststraße 24/25, Mitte,
Stand: Juli 2026